
Eurostar, made in Tschechien. Foto: k.A.
Mein Mann, der kann´s - Erfahrungen einer Ehefrau
Es war einmal ...
eine harmlos erscheinende Zeitungsannonce im „Allgemeinen Anzeiger" im Mai 2007, in der da stand:

Wo verdammt nochmal ist in Weimar denn ein Flugplatz??? Dann der entscheidende erste Anruf mit der Antwort: „Zwischen Umpferstedt und Mellingen!"
AHA!
Von der Neugierde getrieben fuhren mein Mann und ich am selben Sonntag noch hin, und tatsächlich: da ist ja ein Flugplatz mit vielen richtigen Flugzeugen!
Faszinierend.
Auf der Terrasse saßen in der Sonne mehr oder weniger verwegen aussehende (schließlich hat man ja ein Klischeebild des gemeinen Piloten vor Augen) Männer mittleren Alters und tranken Kaffee (wie wir später feststellten: das Pflichtgetränk eines jeden Fliegers). Das waren also die Fluglehrer.
Mein Mann wedelte mit den Armen und sagte, er habe schon auf diese Weise versucht zu fliegen, er schaffte es aber nicht. Die sofortige Antwort eines der Fluglehrer: „Schneller wedeln!" Damit war das ohnehin kaum vorhandene Eis gebrochen und wir erkundigten uns über Einzelheiten: Wird einem beim Fliegen schlecht? Ist das gefährlich? Kann man es mal ausprobieren? Was kostet ein Gastflug? Was kommt inhaltlich und finanziell auf einen zu, der fliegen lernen will?
Viele Fragen, die von den Fluglehrern gern und geduldig beantwortet wurden, nebst einer kurzen Hangarführung, klaren und detaillierten Kosteninformationen für Gastflüge und Flugscheinerwerb. Und dazu der unvermeidliche Flugplatzkaffee im Flugplatzcafé. Wir fuhren nach Hause und hielten Familienrat: Soll man es mal wagen? Naja, man kann´s ja mal ausprobieren, ob es einem von uns schlecht wird; einen Gastflug sollte man sich doch sowieso mal gönnen.
Klaus und Anke Wegener (v.l.n.r.) im Januar 2008
Gesagt, getan!
Nach zwei Wochen war das Wetter endlich passend und wir machten einen Probeflug mit der Cessna und gemischten Gefühlen! Ich erkundigte mich beim Piloten, auf welchem Sitz es am wenigsten schlimm wäre, die Antwort: auf keinem! Unbeholfen erklomm ich die 4-sitzige Maschine, mein Herz schlug bis zum Hals. Auf was hatten wir uns da einlassen? Dann waren die Türen zu und es gab kein Zurück mehr. Hatte nun mein letztes Stündlein geschlagen? Wenigstens würden mein Mann und ich zusammen abstürzen .....
Dann gab der Pilot zum Beschleunigen Vollgas, ich hielt die Luft an und saß eingepfercht und verkrampft auf der hinteren engen Sitzbank. Sollte das ein Vergnügen sein? Was? Wir fliegen ja schon! Ich hatte das Abheben gar nicht richtig bemerkt, es war einfach, als ob man mit dem Auto leicht bergan fährt. Und dann: die berühmte Vogelperspektive: Weimar lag uns zu Füßen, guck mal, da ist unsere Wohnung, und da das Theater, inklusive Goethe- und Schillerdenkmal, und hier, guck mal: das Schloss Belvedere! Und die vielen kleinen Häuserchen und Spielzeugautos! Einfach toll! Man schwebt über einer großen Modelleisenbahn! Und sogar das eine oder andere „Luftlöchelchen" war nicht beängstigend, sondern brachte mich mit einem kurzen Juchzer zum Lachen! Als der Pilot die Rückkehr zum Flugplatz und die Landung ankündigte, war ich enttäuscht, wieder auf die Erde zu müssen.
Die Flugausbildung
Nun nervte ich meinen Mann und beschloss, ihn das Fliegen lernen zu lassen. Wozu hat man ihn schließlich! Zugegeben: Ich brauchte nicht viel Überredungskunst, er war auch hellauf begeistert. Mach doch einfach mal einen „Schnupperflug" mit Fluglehrer in einem Ultraleichtflieger (UL)! Da kannst du dann spüren, wie es ist, wenn du selbst den Steuerknüppel in der Hand hast. Mein Mann stieg danach mit „großen leuchtenden Kinderaugen" aus dem Flugzeug und wollte Sportpilot werden! So meldete er sich in der Flugschule an und verschlang im Urlaub erst einmal die gesamte Ausbildungsliteratur (Wetter, Technik, Recht, Aerodynamik etc.). Ende August ging es dann mit der Ausbildung in Theorie und Praxis los. Eine lustige Zeit: der Kaffeelöffel wurde zu Hause zum Flugzeug umfunktioniert, um zu begreifen und auch, um mir zu erklären, wie ein Flugzeug funktioniert. So manche butterweiche Landung wurde mit dem schwebenden Löffel simuliert. Dann immer wieder am Wochenende theoretischer Unterricht, zwischendurch wenn immer möglich die Flugstunden. Bei vielen Flugplatzrunden war ich interessierter Zaungast und bewertete jede einzelne Landung ohne zu wissen, was hatte mein Mann zustande gebracht, und wann und wieviel hat der Fluglehrer geholfen. Zwischendurch einmal 4 Wochen am Stück Nebelwetter, fliegen unmöglich :-( Schrecklich, denn ich wollte ja baldmöglichst mitfliegen.
Mitte November dann die theoretische Prüfung. Geschafft!! Jetzt noch die vorgeschriebenen Streckenflüge, die ich dann immer zum shoppen gehen nutzte ;-)Fein! Am 30.12.2007 endlich die praktische Prüfung. Knapp 90 Minuten wartete ich im Flugplatzcaféaufgeregt auf die Rückkehr meines Helden. Dann rollte er mit dem Prüfer zum Hangar, ich schaute ihn an und konnte noch keine Reaktion erkennen. Hatte er bestanden? Dann sein siegesbewusste Lächeln – Hurra, der erste Schritt zum Mitfliegen war geschafft. Mein kleiner Pilot! Eine Woche später war dann der Führerschein im Briefkasten, nun fehlten für die Passagierberechtigung nur noch 5 Streckenflüge. Das musste doch schnell zu schaffen sein. Beim ersten Versuch: zu starker Wind, Sicherheit geht immer vor, also noch weiter auf besseres Wetter warten. 10 Tage später waren die Flüge dann absolviert und der Berechtigungsschein beantragt. Zur Belohnung erhielt mein Mann von mir ein eigenes Flugzeug – als Schlüsselanhänger!
Hui - Unser erster gemeinsamer Flug
Nun war die Wettervorhersage gut, wir warteten sehnsüchtig auf den Brief vom Deutschen Aeroclub und überfielen die Postfrau vorzeitig. Wir hatten vorsichtshalber schon mal ein Flugzeug „wegtun lassen", also reserviert. Dann gleich zum Flugplatz – Kaiserwetter! Jetzt war der Flugplatz schon in Sichtweite....so das reicht doch schon, lass uns umkehren! (mir war tatsächlich etwas flau im Magen!). Noch nie war ich mit einem UL geflogen. Aber darauf hatte sich mein Mann (und ich auch) schon die ganze Zeit gefreut (immerhin 5 Monate nach Ausbildungsbeginn). Der Flieger stand schon da und wartete nur auf uns. Unsere Route hatte mir mein Mann auf der Karte erklärt: Flugplatz Weimar - Schöndorf (Elternhaus) - Dornburger Schlösser – Leuchtenburg – Hohenwarthestausee – Stausee Hohenfelden – Flugplatz Weimar. Ich krabble also das erste mal in ein UL-Flugzeug und sitze nun neben meinem Helden im Cockpit. Gemeinsam gehen wir die Checklisten durch. Mein Mann erklärt mir alles und nimmt mir so (zumindest etwas) meine Aufregung. Beruhigt registriere ich das Rettungssystem im Flieger, welches uns mitsamt Flugzeug im allergrößten Notfall sanft zu Boden schweben lassen sollte. Dann rollen wir zum Abflugpunkt auf Piste 28. Jetzt geht es also endlich los! Vollgas beim Beschleunigen – mein Herz legt ein paar Extra-Systolen ein! Und dann:huuuuiiiiiii – das Flugzeug hebt ab Nur noch Genuss pur, man ist in einer eigenen Welt. So hautnah habe ich das in der Cessna nicht empfunden! Nur mein Mann und ich! Wir fliegen gemeinsam in den 8. Himmel hinein (der 7. war unsere Hochzeit). Farb- und Lichtspiele von Sonne und Wolken, tolle Sichten auf Thüringen, Bäume, die von unten riesig sind, verwandeln sich in einen Teppich unter uns, Windkraftanlagen erscheinen von oben wie kleine Kinderspielzeuge. Felder in verschiedenen Braun- und Gelbtönen sind teilweise noch reifbedeckt. Ackerfurchen vom Pflügen auf den Feldern ergeben interessante Muster (sind die Aliens schon da gewesen?) Von oben ist alles so ordentlich nebeneinander gegliedert! Und die Freiheit zu fliegen - unbeschreiblich! Ohne Straßen fliegen, wohin man will! Kein Stau, keine Ampeln, niemand da außer uns! Man muss es selbst erleben! Nach gut einer Stunde Einflug in die Platzrunde. Im Endanflug zur Landung habe ich das Gefühl, wir seien etwas zu weit links von der Landepiste, aber ich vertraue meinem Mann – was bleibt mir auch anderes übrig. Und oh Wunder: eine butterweiche Landung (nicht mal eine Mokkatasse wäre umgefallen), genau in Pistenmitte. Mit frisch geputzten leuchtenden Augen klettern wir aus dem Flugzeug.
Schade, der Flug ist vorbei. Aber nach dem Flug ist vor dem Flug, und wir haben noch lange nicht genug!
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Klaus und Anke Wegener, Januar 2008
Bericht eines Flugschülers
Die D-MHBE, mein Lieblings-Schulflugzeug, ist ein C42 B von Comco-Ikarus
Die erste Erkenntnis war: ich habe die Inkubationszeit des »Fliegervirus« gehörig unterschätzt. Nach dem ersten Schnupperflug dachte ich noch: schöne Sache, jetzt denke ich ein bisschen drüber nach und in ein paar Monaten... kann man ja mal drauf sparen... Pustekuchen! Schon zwei oder drei Tage später saß ich wieder auf der Terrasse des Flugplatzes und sah den Fliegern beim Landen zu. Nichtmal 14 Tage später dann der entscheidende Samstag: mit der Kaffeetasse in der Hand, bei schönstem Sonnenschein fragte ich in die Runde: »Hat jemand nochmal spontan ne halbe Stunde Zeit, mit mir zu fliegen?« Thomas sagte ja, und eine halbe Stunde später, wieder auf dem Boden, wurde ich gefragt: »Sollen wir das jetzt als Gastflug verbuchen oder soll’s deine erste Flugstunde sein?« Den Rest kann man sich denken... So also stürzte ich kopfüber in die Fliegerei.
Die nächsten Unterrichtsstunden waren traumhaft, es gab so viel Neues zu entdecken und wie stolz war ich auf mich, als ich endlich einen Kreis fliegen konnte, der nicht mehr nach Osterei aussah... Dann kamen die ersten Zweifel auf. Ob ich es jemals schaffen würde, alle Instrumente im Auge behalten zu können, ohne ewig darüber nachzudenken, was die mir eigentlich sagen wollen? Und was hatte die Piste gegen mich, warum wich sie mir im Landeanflug immer aus? Und die zweite Klappenstufe – wir werden wohl nie Freunde...
Ein weiterer Punkt war der Flugfunk. Ganz zu Anfang, als Rundflugpassagier, war es einfach nur beeindruckend, weil man von dem »Kauderwelsch« ja kein Wort verstand. Klang aber furchtbar professionell. Und dann soll ich plötzlich selber reden. Und da sagt man nicht einfach »Öhm, ich bin hier oben – würd ganz gern landen, soll ich linksrum oder rechtsrum?« Nein, ich lernte: »D-MHBE, rechter Queranflug Piste 28«. Und überhaupt, die hatten ja gar nicht 28 verschiedene Pisten, sondern nur zwei!
Zuerst fand ich es irgendwie albern oder sogar fast peinlich, mich mit der »Flugleitung« per Funk mit solchen Phrasen zu bewerfen. Und irgendwie war die Hemmung vor dem Mikrofon da. Wenn ich mich nun verhaspele oder Unsinn erzähle? Das Sprechen als selbstverständlich zu empfinden hat eine ganze Weile gedauert. Rückblickend kommt mir meine Angst damals völlig unnötig vor. Ein paar mal auf Überlandflügen einfach nur gelauscht, was die anderen so erzählen – und die Augen öffnen sich. Mit wenigen Worten werden komplexe Situationen präzise übermittelt, eigentlich eine tolle Erfindung, dieses »Kauderwelsch«. Selbst bei schlechter Verbindung kann man sich noch verstehen, weil die Ausdrücke einem festgelegten Schema folgen, weil man auf jede Frage die möglichen Antworten bereits kennt und die Verständigung unzweideutig wird.
Ein bisschen Unsicherheit habe ich auch jetzt noch, es ist eben eine Fremdsprache, die man erst lernen muss, um sich in ihr sicher zu fühlen. Aber die große Scheu vor dem Mikro ist einer Hochachtung für diese Verständigungsform gewichen.
Das wichtigste Unterrichtsfach in der Ausbildung ist übrigens weder Aerodynamik, noch Meteorologie, Navigation oder Luftrecht – es ist der Umgang mit sich selbst. Wir sind längst »erwachsen« und schon so daran gewöhnt, alle Dinge in unserem normalen Umfeld beherrschen zu können – und plötzlich ist man wieder am Anfang, beherrscht nichts, weiss nichts, hat kein Gefühl für die Sache. Man muss Geduld mit sich selbst haben, sich beobachten und akzeptieren, dass das Lernen lange dauert. Dankbar sein für jeden Tipp, den man den Profis entlocken kann. Keine Scheu vor »dummen« Fragn haben.
Mit einer theoretischen Erörterung ist es nicht getan, das Gefühl für die neue Welt entwickelt sich nur sehr, sehr langsam. Schön, dass es jemanden gibt, der einen dabei Schritt für Schritt an die Hand nimmt. Der mit Engelsgeduld alles immer wieder von vorne erklären kann, hundertzwanzigmal für mich und weitere hundertzwanzigmal für jeden anderen Schüler vor und nach mir...
Man lernt immer noch am eindrücklichsten aus Fehlern, die mal selbst macht. Man lernt auch durch Nachahmung oder Erläuterung, aber die eigenen Fehler sitzen immer am tiefsten. Doch die Fliegerei ist kein Ort, an dem man alle Fehler selbst machen könnte, jeder Fehler kann »endgültig« sein, wie der Lehrer sagte. Also wie hat er es geschafft, mir den Unterschied zwischen dem Gefühl für richtig und falsch beizubringen, wenn ich das »endgültige« falsch nie kennengelernt habe? Eine bemerkenswerte Leistung! Im richtigen Moment helfen oder einfach loslassen...
Hier stehe ich nun, noch ganz am Anfang, und blicke ungläubig den Fluglehrer an, der mir versichert: »Ich fahre mit dem Auto in den Urlaub, es ist toll, mal 14 Tage Abstand von dem ganzen Flug-Kram zu bekommen«. Ehrlich? Reden wir in 20 Jahren nochmal darüber... Im Moment kann ich nur sagen: seit ich vor mittlerweile 5 Monaten zum ersten Mal in diesem kleinen Flieger saß, hatte ich durchgängig gute Laune. So spannend und positiv war das Leben noch nie so lange an einem Stück :-)
Zu guter Letzt für alle künftigen Fluschüler ein Satz meiner Lehrer, der mir immer half, die schwierigen Strecken mit Humor zu nehmen: »Eine gute Landung ist es dann, wenn du noch allein aus dem Flugzeug aussteigen kannst. Eine perfekte Landung ist es, wenn das Flugzeug danach noch einmal wiederverwendet werden kann.« J.R.